Integration
Analysen

Job reicht nicht, um Fachkräfte langfristig zu halten

Stellenangebote und die Natur locken sie ins Wallis. Doch was bewegt zugezogene Fachkräfte dazu, langfristig zu bleiben? Nicht in erster Linie der Job, sondern das Gefühl, dazuzugehören. Zwar können sich acht von zehn Zugezogenen vorstellen, bei einem Stellenwechsel in der Region zu bleiben — aber es bestehen Unterschiede bei den deutsch- und den englischsprachigen Fachkräften. Welche Faktoren mit einem Verbleib zusammenhängen, zeigt die aktuelle Umfrage von valais4you.

Die Frage, was Fachkräfte in unsere Region zieht und was dafür sorgt, dass sie hierbleiben wollen, beschäftigt die Region seit einigen Jahren. Die Erkenntnisse der neuen Fachkräfteumfrage von valais4you liefern hierzu eine differenzierte Antwort: 77 Prozent der Befragten können sich vorstellen, bei einem Stellenwechsel im Wallis zu bleiben — bei den Deutschsprachigen sind es 83 Prozent, bei den Englischsprachigen 67 Prozent. Ob aus dieser Absicht ein langfristiger Verbleib wird, hängt dabei aber weniger vom Job ab als von etwas, das sich nicht im Arbeitsvertrag regeln lässt.

Fünfte Umfrage mit neuen Erkenntnissen

Um den Puls der Zugezogenen zu messen, hat valais4you im März und April 2026 zum fünften Mal seit 2018 eine Umfrage durchgeführt. Im Fokus der Initiative valais4you steht die gemeinsame Bearbeitung von Themen rund um die unternehmensübergreifende Rekrutierung von Fachkräften, den Aufbau von wichtigen Rahmenbedingungen für das Leben und Arbeiten im Wallis sowie die Sensibilisierung der Bevölkerung. valais4you wird im Oberwallis von den grössten Unternehmen in der Region, den Gemeinden und dem Kanton getragen und vom Regions- und Wirtschaftszentrum Oberwallis (RWO) operativ umgesetzt.

Mit 786 Teilnehmenden war es die bislang grösste Erhebung — bei 2200 versandten Umfragelinks entspricht das einer Rücklaufquote von rund 35 Prozent. Der Online-Fragebogen umfasste 60 Fragen, von Skalenfragen bis zu offenen Fragen. Wie in den Vorjahren stammt der überwiegende Teil der Teilnehmenden aus Europa, weniger als 17 Prozent aus der Schweiz. «Um das Ankommen der zugezogenen Fachkräfte besser begleiten zu können, ist es entscheidend, ihre Beweggründe und auch ihre Sorgen wahrzunehmen. Nur so können wir als Region diesen Prozess positiv mitgestalten», erklärt Niklaus Furger, Gemeindepräsident von Visp und Vorsitzender des Steuerungsausschusses von valais4you.

Vereinsmitglieder fühlen sich besser integriert

Ein auffälliger Befund betrifft das Vereinsleben. Deutschsprachige Vereinsmitglieder bewerteten ihr Integrationsgefühl auf einer Fünferskala mit 4.15 — Nichtmitglieder mit 3.38. Bei den englischsprachigen Fachkräften zeigt sich dasselbe Bild (3.70 gegenüber 3.08). Wer bereits länger im Wallis lebt, berichtet im Schnitt von einem höheren Integrationsgefühl. Das ist ein Indiz dafür, dass soziale Integration das Bleiben begünstigt. Allerdings ist das Potenzial dabei ungleich verteilt: 42 Prozent der deutschsprachigen Teilnehmenden sind in Vereinen aktiv, von den englischsprachigen hingegen nur 12 Prozent. Vereinsstrukturen werden in den offenen Antworten jedoch teils auch als verpflichtend empfunden und mehr Begegnungsmöglichkeiten ohne feste Bindung gewünscht.

Wie schon in vorangegangenen Umfragen war ein attraktives Jobangebot für die Mehrheit der entscheidende Faktor für einen Zuzug (68 Prozent), gefolgt von Natur und Landschaft. Die vertiefte Auswertung zeigt jedoch ein bemerkenswertes Muster: Job und Natur ziehen zwar erfolgreich Fachkräfte an, reichen aber als alleinige Halte-Faktoren für den Verbleib nicht aus. Die statistische Auswertung gab zudem Hinweise auf eigentliche Bindungsfaktoren: Wer Heimat oder kulturelle Identifikation als Zuzugsgrund nannte, wollte deutlich häufiger bleiben und wohnte meist schon länger in der Region. Auch ein starkes Integrationsgefühl ging mit der Bleibeabsicht und einer längeren Wohndauer einher.

Kritisches Zeitfenster zwischen drei und fünf Jahren

Auf die Frage, nach wie vielen Jahren Zugezogene das Wallis wieder verlassen, liefert die Verteilung der Fachkräfte in den Aufenthaltsdauerkategorien ebenfalls wichtige Anhaltspunkte: Zum Zeitpunkt der Umfrage lebten mehr als die Hälfte der teilnehmenden deutschsprachigen Fachkräfte (56 Prozent) seit mehr als fünf Jahren im Wallis, bei den Englischsprachigen 13 Prozent — ein Verhältnis von 4 zu 1. Ein ähnliches Muster zeigte sich bereits bei der letzten Umfrage im Jahr 2024, bei der das Verhältnis bei 6 zu 1 lag. Auffallend ist in beiden Erhebungen die deutliche Unterrepräsentation der Englischsprachigen in den Aufenthaltsdauerkategorien nach drei bis fünf Jahren.

Da die Umfragedaten querschnittlich erhoben wurden und nur diejenigen umfassen, welche geblieben sind, lassen sich daraus keine direkten Aussagen über individuelle Verläufe ableiten. Die Ergebnisse wurden deshalb in einem Workshop mit mehreren zugezogenen Fachkräften gespiegelt. Ihre Erfahrungen bestätigten das kritische Zeitfenster von drei bis fünf Jahren für Englischsprachige. Als mögliche Gründe nannten sie befristete Arbeitsverträge, ein erhöhtes Mobilitätsverhalten sowie Integrationshürden, die gerade in dieser Phase besonders ins Gewicht fallen. Der Job allein reicht demnach oft nicht aus, um Fachkräfte langfristig zu halten — wer echte soziale Verbindungen aufbaut, hat deutlich bessere Chancen, im Wallis zu bleiben.

Niederschwellige Begegnungen als vielversprechender Ansatz

Auf die offene Frage, was sie im Alltag vermissen, nannten die Umfrageteilnehmenden vor allem soziale Begegnungsmöglichkeiten, mehr Gastronomie und lebendigere Wochenenden sowie eine bessere medizinische Grundversorgung. Auf Basis der Umfrageergebnisse und des anschliessenden Workshops mit Expats erscheinen niederschwellige Austauschformate — etwa offene Meetup-Gruppen — als erfolgversprechende Ergänzung. «Wollen wir die Fachkräfte langfristig an die Region binden, müssen wir ihnen den Zugang zu unserem Gemeinschaftsleben erleichtern. Jedes Gespräch und jede Einladung an einen Vereinsabend sind gelebte Standortförderung», betont Marcel Zumkemi, Projektleiter von valais4you. Der Steuerungsausschuss von valais4you will dieses Thema weiterverfolgen und bis im Herbst mögliche Massnahmen diskutieren.

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