Wir müssen immer wieder überraschen.
Alles aus einer Hand
Man spürt im Gespräch deutlich heraus, wie sehr es Marienfeld liegt, ständig einen Schritt weiterzugehen, neue Techniken kennenzulernen und an ihrem Einsatz zu tüfteln. So hat er beispielsweise bereits vor vielen Jahren Diamantwerkzeuge direkt von amerikanischen Zahntechnikausstattern importiert, die es ansonsten noch nirgends gab. Sie unterstützten das wirtschaftliche Bearbeiten von Schmuckstücken. Diese stetige Offenheit für Neues zeigt sich auch beim Einsatz neuer Materialien. Als in den 1990er-Jahren die ersten Titanbrillen aus Japan auftauchten, war Marienfeld überzeugt, dass in diesem Material die Zukunft liegt – obwohl es damals als kaum bearbeitbar galt. Er entwickelte geeignete Werkzeuge und setzte sich schliesslich selbst ins Flugzeug nach Japan, um an die passenden Legierungen zu kommen.
Was die Manufaktur am Brigerberg einzigartig macht, ist ihre Funktionsweise: «Bei uns wird die Brille vom Rohmaterial bis zum Endprodukt im Haus produziert,» betont Marienfeld. In klassischen Brillenstädten wie Morez im französischen Jura, Cadore in Italien, Fukui in Japan oder Pforzheim in Deutschland teilten sich dutzende Betriebe die Arbeitsschritte. Aufgrund der Konkurrenz aus China sind diese Orte inzwischen weitestgehend von der Brillen-Landkarte verschwunden. Gerade die volle Fertigungstiefe erlaubt es der Marcus Marienfeld AG, in der Schweiz zu produzieren – zu Preisen, die eine andere Rechnung tragen als diejenigen der chinesischen Konkurrenz. 98 Prozent der Wertschöpfung liegen im eigenen Haus; nur die Metalle, die aufwendige PVD-Beschichtung und das Horn kommen von aussen.
Immer eine Geschichte dahinter
«Wir müssen immer wieder überraschen», sagt Marienfeld – und liefert zu jeder Kollektionslinie eine eigene Story. Die Toplinie, seine Vollkarbonbrillen, heisst «4000er des Wallis», benannt nach den Viertausendern der Region und limitiert auf heute 399 Stück pro Modell, weil die Nachfrage die ursprünglichen 99 Stück längst überholt hat. Für die Reihe «Barrique» verarbeitet er überdies ausgediente Weinfässer des Cave Du Rhodan zu Fassungen; zu jeder Brille gibt es die Flasche des im Fass produzierten Weines dazu. Für die Air-Zermatt-Pilotenbrillen liess er bei ZEISS ein eigenes, kontraststeigerndes Glas entwickeln, das die Chefpiloten über vier Wochen bei jedem Wetter testeten.
Verkauft werden die Brillen der Marcus Marienfeld AG vornehmlich über Optikerinnen und Optiker, mit einer wichtigen Ausnahme: dem kleinen firmeneigenen Laden in Zermatt. Der Weltkurort dient als perfekte Kulisse und ermöglicht den Zugang zu bereits bestehender und neuer Kundschaft aus aller Welt, aus Südkorea, Japan, Hongkong und Taiwan oder auch aus westlichen Ländern. Neben der Schweiz mit 50 Prozent des Umsatzes ist gerade der asiatische Markt für das Walliser Unternehmen interessant. Die Marienfeld-Brillen sind dort bestens etabliert: Ein einzelner Sammler aus Südkorea beispielsweise besitzt inzwischen zwölf unterschiedliche Modelle.
Wallis kein Nachteil, sondern Voraussetzung
Ob er seinen Firmenstandort wieder so wählen würde? «Ohne Zögern, ja», lautet die Antwort des Firmeninhabers. Die Abgeschiedenheit ist für Marienfeld kein Nachteil, sondern eine Voraussetzung für die Entwicklung seines Unternehmens: gute Förderstellen, keine Laufkundschaft, keine Ablenkung, morgens ein Plan und abends ein Ergebnis. Und gleichzeitig sei der Standort zentraler, als viele denken. Auf seinen Präsentationen zeigt Marienfeld gern, dass Mailand von Ried-Brig aus gleich nahe liegt wie Zürich. Mit der NEAT, betont er, sei die Region noch näher an die Wirtschaftszentren gerückt. «Das realisieren die meisten noch gar nicht.»
Auch die eigene Nachfolge sieht er gelassen. Innerhalb der Familie werde sich kaum etwas ergeben, weitergehen werde es aber allemal – das Interesse von aussen sei da, Anfragen kommen regelmässig. Beim Besuch führt Marienfeld durch die Werkstatt, vorbei an Lasergravur, Schleifmaschine und den Fünf-Achs-CNC-Maschinen. Auf dem Montagetisch liegen fertige Büffelhornbrillen, bereit für den Versand in alle Welt. Was ihm dabei am Herzen liegt, gilt weniger seiner Firma als der Region: «Man muss nicht glauben, dass hier nur die Lonza ist. Es gibt noch ganz andere Spezialitäten – und das Wallis ist dafür perfekt geeignet.»
Der Kunde soll von seiner Brille träumen können.
Der Linie stets treu bleiben
Zwei Grundsätze zieht Marienfeld konsequent durch. Erstens: kein Rabatt. Zweitens: keine Mode. Die Fassungen sind klassisch gehalten und werden auf Bestellung gefertigt, mit sechs bis acht Wochen Wartezeit. Das gehöre dazu: «Der Kunde soll von seiner Brille träumen können», erklärt er. «Auf ein Auto wartet man schliesslich auch ein halbes Jahr.» Dazu kommt ein Service, den kaum jemand mehr bietet: Jede Fassung wird ein Leben lang gewartet, eine Büffelhornbrille wird rund alle zwei Jahre überarbeitet. Hunderttausende Brillen dürften so über die Jahre auf die Nasen der Marienfeld-Kunden gekommen sein – manche Kundinnen und Kunden tragen ihre seit über 30 Jahren.
Marienfeld geht mit grosser Leidenschaft innovative Wege bei der Brillenproduktion. Ein Beispiel dafür ist sein jüngstes Projekt, nämlich eine Hörbrille. Sie überträgt den Ton über den Knochen und soll sich als Alternative zu Hörgeräten etablieren. Auf eine Kamera wird dabei bewusst verzichtet. Über eine App steuerbar, kann die Brille live übersetzen – 145 Sprachen, Schweizer Dialekt inklusive. Hard- und Software, für die Marienfeld mit einem chinesischen IT-Partner zusammenarbeitet, werden demnächst bereitstehen. Getestet hat er sie bereits mit hörgeschädigten Kunden – mit erfreulichen Resultaten, freut sich Marienfeld und setzt sich gleich selbst eine Hörbrille auf. Dabei denkt er wohl bereits an die nächste Neuentwicklung, die ihren Ausgangspunkt am Brigerberg nehmen könnte.